Die Forderungen nach mehr Klimaschutz im Luftverkehr werden lauter
Kritik an der (fehlenden) Klimapolitik der Luftverkehrswirtschaft gibt es nun schon seit Jahren, aber aktuell kommen einige weitere interessante Stimmen dazu. So ist gerade eine Studie der 'Transition Pathway Initiative' an der 'London School of Economics' erschienen, in der die Klimapolitik von 20 weltweit führenden Airlines untersucht wurde. In ihrer Presseerklärung weisen die Autoren darauf hin, dass diese Initiative die Unterstützung von Investorengruppen hat, die ein Kapital von "über 13 Billionen Dollar" repräsentieren. Das verleiht der Kritik, dass die Klimaziele der Airlines zu kurzfristig sind und den Zielen des Pariser Abkommens nicht entsprechen, einen besonderen Nachdruck.
Die (englisch-sprachige) Presse berichtet relativ breit, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die europäische Online-Plattform EURACTIV hebt hervor, dass hier Investoren das kurzfristige Denken der Airlines kritisieren, ähnlich argumentiert die Geschäftskunden-orientierte Plattform 'BusinessGreen'. BBC wei zunächst auf die Unterschiede zwischen Airlines hin und lobt ausgerechnet den Billigflieger EasyJet, relativiert das aber wieder durch Hinweise auf die Beschränkungen der Studie. Lediglich Reuters gibt primär die Kritik an den fehlenden Aussagen zu echten Emissions-Reduktionen und der Nutzung von Offsets aus anderen Sektoren zur Kompensation wieder.
Darauf konzentrieren sich auch die stärksten Aussagen zu der Studie, wie .. die Forderung, "Emissionsreduktionsziele für 2030 und darüber hinaus zu setzen und die Abhängigkeit vom 'Offsetting' zu beenden. ... 'Offsetting' ist kein Ersatz für eine klare Strategie der Emissionsreduktion" (eigene Übersetzung). Aber ein Blick in das Methoden-Papier zu der Studie macht deutlich, dass die Resultate trotzdem noch extrem freundlich für die Airlines formuliert sind. So ist zwar das Ziel des Pariser Abkommens korrekt zitiert, als 'Benchmark' für die Anstrengungen der Airlines wird allerdings die 'Beschränkung des Temperaturanstiegs auf 2°C' gewählt, nicht die anzustrebende Beschränkung auf 1,5°C. Auch die Tatace, dass die CO2-Emissionen nur einen Teil der Klimawirkungen des Luftverkehrs ausmachen, wird korrekt erwähnt, aber bei den Berechnungen nicht berücksichtigt. Und was die Berechnungen im Detail völlig entwertet, ist die Tatsache, dass Biotreibstoffe komplett als 'klima-neutral' gewertet werden, obwohl auch hier eingeräumt wird, dass das nicht korrekt ist (mehr dazu weiter unten).
Die Liste liesse sich noch fortsetzen, aber auch so wird deutlich: die Kernaussagen der Studie mögen deutlich klingen, sie sind aber noch weit untertrieben.
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Ein zweiter kleiner Fortschritt ist die Tatsache, dass das Thema der Besteuerung des Flugverkehrs in der EU wieder auf die Tagesordnung kommt, zuletzt durch eine Forderung der belgischen Regierung an den EU-Umweltministerrat, die von Frankreich, den Niederlanden und Schweden unterstützt wird.
Schon im letzten Jahr hatte eine Studie gezeigt, dass eine solche Besteuerung rechtlich durchaus möglich ist, und die europäische NGO Transrt & Environment hatte in einem Briefing dargestellt, was dafür getan werden müsste. Auch eine kürzlich erschienene Übersicht über bisher angewandte Politik-Instrumente für mehr Klimaschutz im Luftverkehr beschreibt, was in diesem Bereich möglich und nötig wäre. Bisher ist allerdings noch völlig unklar, welche Erfolgsaussichten diese Vorstösse haben können.
Der zuständige europäische Lobbyverband 'Airlines for Europe' pöbelt natürlich wie üblich mit dem dümmst-möglichen Argument gegen eine Besteuerung: dann hätten die Airlines ja kein Geld mehr, das sie in den Klimaschutz investieren könnten. Primitiver geht es nicht.
Vielleicht hat dieser Druck ja schon einen ersten kleinen Erfolg erzielt. In Montreal tagte gerade der ICAO-Umweltausschuss CAEP, der u.a. einige weitere Umsetzungsregeln für das Offset-System CORSIA auszuarbeiten hatte. Unmittelbar darauf trat der ICAO-Rat zusammen, um u.a. diese Regeln zu beschliessen. Wie immer bei ICAO, sind die Prozesse völlig intransparent. Nach Abschluss der CAEP-Tagung gab es eine offizielle Pressemitteilung, in der die behandelten Themen beschrieben werden, aber keine Aussagen über die genauen Inhalte der Beschlüsse enthalten sind. Auch gewöhnlich gut unterrichteten Kommentatoren bleibt da nur, die Themen mit ein paar Hintergründen zu erläutern.
Aus dem ICAO-Rat, der noch bis zum 15. März tagt, gab es eine kurze Meldung über die Beschlüsse zu CORSIA, ebenfalls ohne genaue Inhalte. Hier sind aber offensichtlich noch ein paar wenige Informationen über die Beschlüsse durchgesickert, die es dem Kommentator erlauben, zusammen mit einigen bekannten Vorlagen ein paar Informationen über Inhalte zu liefern Und an diesem Punkt beginnen die Spekulationen über einen möglichen kleinen Erfolg. Im Vorfeld der Ratstagung hatten sowohl Umweltverbände als auch die EU darauf gedrängt, die Qualitätskriterien für die Zertifikate, die zur Kompensation der Emissionen eingesetzt werden können (Emissions Unit Criteria – EUC) nicht weiter zu verwässern. Und nach den durchgesickerten nfomationen sieht es so aus, als seien sie tatsächlich gemäß der Vorlage beschlossen und damit ein mögliches Schlupfloch geschlossen worden. Angesichts der schwachen Vorlage muss man allerdings schon sehr bescheiden sein, um das als Erfolg zu feiern.
Die Luftfahrtindustrie ist jedenfalls mit den Beschlüssen sehr zufrieden und applaudiert dem ICAO-Rat dafür - ein weiterer Grund, daran zu zweifeln, dass die Beschlüsse etwas taugen könnten. Dazu kommt, dass ein wichtiger Punkt anscheinend offen geblieben ist: die Frage, ob alte, aus dem CDM-Mechanismus des Kyoto-Protokolls übrig gebliebene Zertifikate eingesetzt werden dürfen. Darüber soll offenbar erst ein neu einzurichtendes Gremium entscheiden, der sog. Technical Advisory Body (TAB), für dessen Einrichtung und Arbeitsweise ebenfalls Regeln beschlossen wurden. Wie er sich zusammensetzen soll und ob seine Ergebnisse öffentlich werden, ist aber auch nicht bekannt.
Ein weiterer grosser Mangel der Beschlüsse zeichnet sich auch noch ab. Die vom Umweltausschuss CAEP beschlossenen Kriterien für 'nachhaltige' bzw. 'alternative' Treibstoffe sind offenbar tatsächlich so schwach wie vorher befürchtet. Da einerseits solche Treibstoffe die einzige Option sind, mit der die Luftverkehrswirtschaft echte Emissionsreduktionen durchführen will, andererseits kritische Studien zeigen, dass sowohl bestende als auch konkret geplante Projekte zur Erzeugung solcher Treibstoffe anspruchsvollen Kriterien nicht genügen und keinen positiven, eventuell sogar einen negativen Beitrag zur Reduzierung von Treibhausgasen leisten, ist absehbar, dass die Entwicklung dahin gehen wird, den Fluggesellschaften einen Bonus für Treibstoffe einzuräumen, die in Wirklichkeit mehr Schaden als Nutzen bringen.
Dazu passt, dass die EU in ihrem jüngsten Beschluss zu erneuerbaren Energien einen Bann für Treibstoffe aus Palmöl und Soja festgelegt hat, aber in ihrer Handelspolitik diese Festlegung sofort wieder konterkariert. Zwar gibt es mit einer Klage gegen diese Art der Biomasse-Nutzung aktuell einen Versuch, dieses Vorgehen zu stoppen, aber es ist völlig unklar, ob und wann das Erfolg haben kann.
Zusammenfassend bleibt daher festzuhalten: auch wenn die Forderungen an die Luftfahrtindustrie lauter geworden sind - davon, genug Druck zu entwickeln, um diesen Sektor auf einen Kurs zu bringen, der hilft, den Klimawandel zu begrenzen, sind sie noch weit entfernt. Dafür muss, vor allem im politischen Raum und durch Aktionen der Zivilgesellschaft, noch wesentlich mehr passieren.
Quelle: www.bi-fluglaerm-raunheim.de, Aktuelles
