Ultrafeinstaub, Stickoxide und die Autolobby

Ultrafeinstaub, Stickoxide und seltsame Alternativen

Manchmal stösst man auf Artikel, die machen beim Lesen teil­weise richtig Spass. Wenn ein Mediziner in aller Deut­lich­keit vor den Gefahren von Ultra­fein­staub warnt und als dessen haupt­säch­liche gesund­heit­liche Folge "– epide­miolo­gisch und experi­mentell gesichert und biolo­gisch plausibel – die Zunahme an Herz­infarkten und Schlag­anfällen" dar­stellt, könnte man glauben, nun endlich den lange gesuchten Beleg für diese Aussage in den Händen zu halten. Aber es wäre zu schön, um wahr zu sein.

Schon die Über­schrift des Artikels müsste zur Vorsicht mahnen. Da geht es um Stick­oxide, die im Diesel­skandal "das geringere Übel" sein sollen. Und dann heisst es auch noch im Vorspann (den man online nicht gleich zu sehen bekommt) "Eine Nach­rüstung der großen Emitten­ten mit Partikel­filtern ist nicht nur wesent­lich wirk­samer (99,99 %) als die Nach­rüstung von PKW mit Hard­ware (SCR – ad blue – Reduktion des NO2 um ca. 70 %), sondern auch um den Faktor 4 billiger." Und damit auch der Dümmste kapiert, worum es geht, lautet das Fazit am Ende des Artikels, dass Stick­oxide schon irgend­wie auch schädlich sind, aber "der Schaden durch die Partikel (sog. Fein­stäube) ist mehrfach größer – fürie Gesund­heit und für das Klima. ... Eine Nach­rüstung aller Schwer­fahr­zeuge mit Partikel­filtern ... kostet für Deutsch­land rund 3 Milliarden Euro. Eine Nach­rüstung aller PKW mit SCR zur Reduktion der Stick­oxide in der Praxis kostet bis zum Zehn­fachen – bei einem Zehntel des Nutzens ... Deshalb ist es unsinnig, viel Geld in die Reduktion eines gesund­heit­lich weniger relevanten Stoffes zu inves­tieren, wenn hoch­effizient der Haupt­schädiger durch Partikel­filter beseitigt werden kann."

Abgesehen davon, dass weit­gehend unklar bleibt, worauf sich die angege­benen Prozent- und Verhältnis-Zahlen eigent­lich beziehen, ist es grund­sätzlich starker Tobak, in einer 'Zeit­schrift für medizi­nische Präven­tion' zu argumen­tieren: "Die Bekämpfung dieser Krank­heit ist zu teuer, bekämpfen wir lieber eine andere". Da müssen noch ein paar Argumente her, oder zumindest etwas, was wie ein Argument aussieht.
Und das geht dann so: als erstes wird die Welt­gesund­heits­organi­sation WHO zitiert, denn die "schätzt in ihrem jüngsten Bericht ..., dass ungefähr 7 Millionen Menschen jährlich an Feinstaub sterben", aber "NO2 wird als Schad­stoff nicht einmal erwähnt – weil er vergleichs­weise wenig Schaden anrichtet?". Das Frage­zeichen ist rein rhetorisch, denn dann folgt erstmal das arbeits­medizi­nische Mantra, dass Stick­oxide am Arbeits­platz auch bei viel höheren Konzen­trationen niemanden umbringen, und "Daher ist der Verdachbegründet, dass Lang­zeit­wirkungen von NO2 mit anderen, gleich­zeitig vorkom­menden Luft­schad­stoffen, Aller­genen und Infek­tions­erregern erklärt werden müssen. Für die epide­miolo­gisch dem Stick­stoff­dioxid NO2 zuge­schriebenen Gesund­heits­schäden ist vermut­lich vorwie­gend der ultra­feine Partikel (UFP) samt Beladung mit poly­zykli­schen Aromaten (PAK) und Metall­abrieb aus dem Motor verant­wortlich." Vermut­lich - weil die beige­fügte Grafik zeigt, dass an einem verkehrs­reichen Platz die Partikel­anzahl-Konzen­tration genauso schwankt wie die Stick­oxid-Konzen­tration. Andere Belege für diese steile Behaup tung gibt es nicht. Zweifelt noch jemand?

Soviel Unsinn auf einmal ist auch eine Leistung, aber wenn man bedenkt, wie die Leser*innen hier veralbert werden sollen, hält sich die Bewun­derung in Grenzen. Der jüngste Bericht der WHO entpuppt sich als Presse­mittei­lung, in der nicht nur die Stick­oxide, sondern auch alle anderen Luft­schad­stoffe nicht erwähnt werden, weil, wie in den anhäng­enden Fact Sheets beschrieben wird, 'Parti­culate Matter' (über­wiegend PM10) als 'common proxy indicator', d.h. als üblichereitwert für Luft­verschmut­zung benutzt wird. In den folgenden technischen Erläute­rungen sind Stick­oxide als besonders relevante Schad­stoffe natür­lich weiter­hin genannt.
Dass die anderen Deppen nicht gemerkt haben, dass sie die Effekte von UFP sehen, wenn sie glauben, die Wirkungen von Stick­oxiden zu unter­suchen, liegt einfach daran, dass sie nicht mitbe­kommen haben, dass die Partikel aus den Ver­brennungs­abgasen immer kleiner geworden sind und nicht mehr als sichtbarer Russ, sondern als unsicht­barer Ultra­fein­staub vorliegen. Oder, wie der Autor etwas vornehmer formuliert: "Diese „Verwechs­lung“ konnte nur deswegen geschehen, weil man glaubte, UFP würden mit PM2,5 ausreichend erfasst. Dabei wurde aller­dings die Motoren­entwick­lung über­sehen". Daran ist zwar richtig, dass UFP-Konzen­trationen für epidemio­logische Unter­suchungen erst in jüngster Zeit und noch in unzu­reichen­dem Maß zur Verfügung stehen, aber richtig ist auch, dass sowohl i toxiko­logischen Unter­suchungen zu Stick­oxiden als auch die epidemio­logischen, die sich auf größere Flächen beziehen, in denen sich Stick­oxide ganz anders ausbreiten als UFP, davon nicht oder nur wenig beein­flusst sind. Aber wen kümmern solche Details, wenn man eine Grafik hat, die etwas anderes suggeriert.

Der Artikel enthält dann neben den schönen Worten über Ultra­feinstaub, bei denen aber auch ständig alle Fein­staub­fraktionen bunt durch­einander­gemischt werden, noch ein paar Bonbons für Umwelt­bewegte, von der Forde­rung nach einer CO2-Steuer über die Kritik an Subven­tionen für Diesel und den Einsatz von Palmöl als Treib­stoff bis hin zu den militä­rischen Kosten für die Siche­rung der Ölver­sorgung, die wohl noch etwas vom Renommee des Autors, der immerhin 'Umwelt­referent der Tiroler und Öster­reichi­schen Ärzte­kammer' ist, retten sollen, aber auch das miss­lingt kläglich. Und auch einen Beleg für die oben zitierte voll­mundige Behaup­tung über die wissen­schaft­lich gesicherten Wirkung von UFP sucht man vergeb­lich.
Warum dieses Machwerk dann über­haupt erwähnen? Sollte man nicht besser hoffen, dass es möglichst niemand liest und es ganz schnell in der Versen­kung verschwindet? Im Prinzip ja, aber das wird nicht passieren.

Man muss sich nur das Umfeld dieses Artikels ansehen, um zu verstehen, dass hier nicht einfach ein profi­lierungs­süchtiger Schreiber­ling weit über die Grenzen seiner Kennt­nisse und Fähig­keiten hinaus herum­schwadro­niert, sondern eine Kampagne abläuft, die zwar fachlich keine Substanz hat, aber trotzdem öffent­liche Wirkung erzielen wird.
Im Editorial der gleichen Ausgabe trägt eine Ärztin, die genauso wenig vom Fach ist wie der Autor, noch dicker auf und behauptet, "Die wissen­schaft­lichen Erkennt­nisse weisen klar darauf hin, dass für die dem Stick­stoff­dioxid ange­lasteten Gesund­heits­schäden wohl Fein­staub und Metall­abrieb aus dem Motor verant­wort­lich sind!" Und daraus folgert sieesser­scharf: "Es ist nicht nach­voll­ziehbar, dass viel Geld in die Vermin­derung eines gesund­heit­lich weniger rele­vanten Stoffes wie dem Stick­oxid inves­tiert wird, wenn hoch­effizient der Haupt­schädiger „Fein­staub“ beseitigt werden kann! Eine Nach­rüstung der großen Emit­tenten mit Partikel­filtern gegen Fein­stäube ist nicht nur wesent­lich wirk­samer als die Nach­rüstung von Personen­kraft­wagen mit Hard­ware zur Vermin­derung der Stick­oxide aus Auspuff­abgasen, sondern auch wesent­lich günstiger!"
Und dann darf noch ein altge­dienter Professor, der auch nichts davon versteht, eine aktuelle Studie des Umwelt­bundes­amtes zu den gesund­heit­lichen Wir­kungen von Stick­oxiden als 'Panik­mache' herunter­putzen, und beide Artikel werden in der Einführung noch besonders positiv hervor­gehoben. Ein Aus­rutscher sähe anders aus.

Wäre die ASU eine Zeit­schrift des Verbandes der Deut­schen Auto­mobil­industrie, würde man sich nicht groß darüber wundern, dass sich da viele Autoren Gedanken darüber machen, wie die Auto­konzerne am billigsten mit dem Diesel­skandal fertig werden, und Argu­mente dafür suchen, warum Nach­rüstungen, die die Konzerne bezahlen müssten, weniger sinnvoll sind als solche, die die Betreiber oder die öffent­liche Hand bezahlen. Sie ist aber (u.a.) ein Publi­kations­organ der Deutschen Gesell­schaft für Arbeits­medizin und Umwelt­medizin e.V. (DGAUM), und zu deren Kernauf­gaben gehört das normaler­weise nicht. Nichts­desto­trotz feiert die DGAUM den Artikel von Herrn Fuchsig in einer eigenen Pres­mittei­lung eben­falls als eine Darstel­lung neuester Erkennt­nisse, aus denen die gleichen politi­schen Forde­rungen abge­leitet werden.
Wirklich über­raschend ist das aller­dings auch nicht, denn bereits im Früh­jahr hat der damalige DGAUM-Präsi­dent Drexler eine ähnliche Kampagne im Focus lanciert und auf der nach­folgen­den DGAUM-Tagung damit fast einen Skandal produ­ziert. Und weitere perso­nellen Verflech­tungen mit der unsäg­lichen Forschungs­vereini­gung EUGT waren bereits vorher deut­lich gewor­den.
Zwar ist nicht erkenn­bar, wie die jetzt handeln­den Personen in diesen Klüngel einbe­zognsind (lediglich Herr Hart­mann hat mal mit dem EUGT-Geschäfts­führer Spallek ein Buch produ­ziert), aber die inhalt­lichen Zusammen­hänge sind nicht zu über­sehen.
Aber wie kann es sein, dass eine Hand­voll Leute, die zwar Mediziner sind, aber keiner­lei eigene Arbeiten oder Expertisen zu Luft­schad­stoffen vor­weisen können, die jahr­zehnte­lange Arbeit Hunderter Fach­kolleg*innen einfach vom Tisch wischen und ohne jeden Beleg Zusammen­hänge behaupten können, die niemand vorher je erwähnt hat? Warum dürfen sie in einer angeb­lich "peer reviewed"-Zeit­schrift wissen­schaft­lichen Unsinn publi­zieren, ohne dass das von Menschen, die sich damit auskennen, recht­zeitig aus dem Verkehr gezogen wird?

Offen­sichtlich ist das ein weiteres Beispiel dafür, wie weit die Wirkung der Lobby­arbeit grosser Konzerne reichen kann, und wie leicht Menschen, die sich eigent­lich eine andere, positi­vere Reputa­tion aufge­baut hatten, in so etwas hinein gezogen werden.
Für die eigene Arbeit sollte man daraus lernen: nicht jeder, der einen Sach­verhalt behauptet, den man selber gerne glauben würde, und der eine Forde­rung vertritt, die man selber auch für richtig hält, ist damit schon ein Verbün­deter. Natürlich ist es richtig, dass die Ultra­fein­staub-Belas­tung reduziert werden muss, und dass daher alles, was mit Ver­brennungs­motoren ange­trieben wird, auch einen Partikel­filter erhalten sollte. Wenn diese Forderung aber dafür miss­braucht wird, die ebenso berech­tigte Forderung nach einer Nach­rüstung aller Diesel-Maschinen zur Reduktion der ebenso schäd­lichen Stick­oxide zu diskre­ditieren, sollte man sich nicht vor diesen Karren spannen lassen.
Und wenn die Vertret dieser Strategie dann auch noch so dilettan­tisch argumen­tieren, dass sie damit jede ernst­hafte Auseinander­setzung ad absurdum führen, dann sollte man sie auch als Schar­latane an den Pranger stellen und deutlich machen, dass man mit dieser Art von politi­scher Auseinander­setzung nichts, aber auch garnichts gemein hat.

Quelle:  www.bi-fluglaerm-raunheim.de, Aktuelles